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Am Sonntag, den 7. Juni 2009, um 16 Uhr hatte ich mein zweites Konzert als klassische Sängerin, wieder im Bechstein-Konzertsaal des Düsseldorfer Stilwerks.
- Wir erinnern uns, das erste Mal war im Dezember 2007 gewesen, und eigentlich hatte ich bereits am Weihnachtskonzert 2008 wieder teilnehmen wollen, jedoch kam mir recht ungeplant der lange Klinikaufenthalt dazwischen.
Diesmal wollte ich es jedoch auf jeden Fall durchziehen.
Das Stück stand, wie gesagt, bereits seit Herbst letzten Jahres fest: Das Sextett am Schluss von Mozarts Oper “Don Giovanni”.
Zugegeben, als ich es die ersten Male anhörte, fand ich es zwar ganz nett – mit Mozart kann man bei mir generell nicht viel verkehrt machen – aber mehr leider auch nicht, und stellenweise war es mir für meinen Geschmack etwas zu chaotisch. (Im Unterschied dazu war ich von unserem damaligen “Bald prangt den Morgen zu verkünden” ja vom ersten Augenblick an begeistert gewesen.)
Je öfter ich es jedoch in den Proben durcharbeitete und zur Vertiefung bei YouTube anschaute, desto besser gefiel es mir.
– Das ist üblich bei mir. Auch wenn ich mir ein neues Album von einer meiner Lieblingsbands kaufe, kann ich erst ab ca. einem halben Dutzend Mal Anhören sagen, ob es mir gefällt, welche Lieder ich besonders mag oder eben nicht und welche ich bloß nichtssagend finde. Ganz selten kann ich auf Anhieb sagen, ob mir etwas gefällt. Wenn, dann ist es entweder immerwährende Liebe auf den ersten Blick
oder abgrundtiefer Abscheu.
Um Musik zu beurteilen, muss ich sie normalerweise halbwegs kennen und analysieren, die Melodie und den Aufbau erkennen. Dann kann ich auch erst die Kleinigkeiten würdigen, die etwas besonders interessant für mich machen, der Einsatz von Chören hier, ein paar Streicher da, eine besonders schöne Phrase oder Koloratur… usw.
Ich weiss, ich bin seltsam, aber so ist es nun einmal.
Unser Sextett bestand aus den gleichen Personen wie bei den Mozart-Stücken im Weihnachtskonzert 2007. – D.h., eigentlich waren wir nur ein Quintett, die Rolle des Masetto blieb unbesetzt: Der übliche chronische Männer-Mangel, wenn es ums Musizieren geht, von irgendwelchen Garagen-Rockbands einmal abgesehen.
Vermisst hat ihn jedoch offensichtlich niemand, es hörte sich auch ohne ihn gut an.
Don Ottavio wurde von einem Mezzosopran gesungen.
Nach zwei, drei Proben verloren wir auch noch Leporello.
Nachdem der Sänger per Mail eine Probe wegen Krankheit abgesagt hatte, hörte nie wieder jemand etwas von ihm. Als ich die anderen das nächste Mal nachfragte, wo er denn stecke, antworteten sie, er sei spurlos verschwunden. Ich hielt das erst für einen Scherz, bis ich beim nächsten Mal die gleiche Antwort erhielt. Als ich zu bedenken gab, dass ihm angesichts seiner letzten Nachricht ja vielleicht etwas Ernstes passiert sein könne, hieß es, das sei schon öfters vorgekommen, er sei nie zuverlässig gewesen. Daraufhin übernahm unser Gesangslehrer Orlando die Rolle selbst – wie gesagt, männliche Gesangsschüler haben Seltenheitswert.
Eine halbe Minute kürzte kürzte Orlando aus dem Stück heraus, worüber ich recht froh war. Es war der leicht chaotische Teil, der mir ohnehin nicht sonderlich gefiel, und der sehr schwierig zu erlernen gewesen wäre. (Im oben verlinkten YouTube-Clip ab 7:20 min bis 7:50 min.)
Die Proben begannen im April. Ich schätze, es waren 10 gemeinsame Termine insgesamt, dazu verwendete ich noch 3 oder 4 meiner Einzelstunden, um meinen Part und insbesondere das Solo und die Koloraturen durchzugehen.
Es gestaltete sich äußerst schwierig, 5 berufstätige Freizeit-Sänger plus eine Pianistin an einem gemeinsamen Termin zusammen zu bekommen.
Genau genommen gelang uns das bloß ein einziges Mal in der Woche vor dem Konzert. Die anderen Probentermine fanden stets nur mit einem Teil der Besetzung statt und stets ohne vollständige Klavierbegleitung, was das Ganze nicht gerade einfacher machte.
Ich kann dabei ruhigen Gewissens behaupten, wohl am häufigsten teilgenommen zu haben.
Zwei oder drei Termine konnte ich nicht wahrnehmen, weil ich zu meinem eigenen großen Ärger Ende April von einer heftigen Erkältung inklusive Halsschmerzen und Bronchitis vom Feinsten niedergestreckt wurde.
Ans Singen war mehrere Wochen gar nicht zu denken, eine Woche lang konnte ich sogar kaum noch sprechen, nur heiser flüstern.
Irgendwann gegen Ende kehrte sich jedoch leider der oben erwähnte Prozess ins Gegenteil um:
(Ich finde die Begriffe “Schönhören” und “Tothören” ganz passend, die ich mal in diesem Zusammenhang aufgeschnappt habe.) Mir ging das Stück allmählich auf den Keks. D.h., ich fand es zwar immer noch schön, aber die Tatsache, dass ich seit Wochen fast gar nichts anderes mehr singen konnte, eben nicht.
Schon um wieder einmal etwas anderes machen zu können, sehnte ich den Abend nach dem Konzert herbei. Irgendwann kannte ich ich nicht nur meine eigene Rolle in dem gut 10minütigen Stück in italienischer Sprache auswendig, sondern alle.
Hinzu kam wie leider so oft, dass es mir zeitweise in jenen Wochen nicht sehr gut ging und ich mich oft unter Aufbietung von jedem verfügbaren Quentchen Willenskraft dazu zwingen musste, zu den Proben zu gehen.
Ich fühlte mich unheimlich geschmeichelt, Donna Anna singen zu dürfen (in dem Videoclip die Dame in dem roten Kleid).
Das Stück und insbesondere diese Rolle darin sind alles andere als leicht. Selbst gemessen an den komplizierten Sachen, die wir normalerweise im Unterricht durchnehmen und sogar an jenem Stück aus dem Konzert davor, das auch nicht die leichteste Kost war, war das eine ganze Ecke schwerer.
Bei dem Stück gab es drei Schwierigkeiten:
Die Tonhöhe macht mir keine Angst, dafür aber die Stellen, wo ich auf einmal nicht mehr an höchster Stelle stehe, sondern anderem – in dem Fall Donna Elvira – und mir dabei meinem Gefühl nach in die Quere kommen. Das irritiert mich jedes Mal ungemein
, im schlimmsten Fall komme ich völlig aus der Spur und singe stattdessen ungewollt das mit, was sich in den Sphären über mir befindet.
Diese Stelle, von mir liebevoll genannt the a” of death, habe ich sogar während der Proben nur in ganz seltenen Fällen zu meiner Zufriedenheit hinbekommen. Dass ich das mit Lampenfieber ganz knicken kann, war mir vorher schon klar. Zwischendurch hatte ich deswegen auch eine Phase, wo ich am liebsten ausgestiegen wäre, weil ich geglaubt habe, den Ansprüchen – ob denen der Rolle oder meinen eigenen sei mal dahingestellt – nicht gewachsen zu sein.
Bis eine Woche vor dem Konzert hatte ich kaum Probleme mit Lampenfieber, aber dann steigerte es sich mit jedem Tag. In der Nacht davor konnte ich erst nach stundenlangem Lesen einschlafen – was suboptimal ist, denn inzwischen funktioniere ich ohne ausreichend Schlaf nicht mehr gut.
Am Tag des Konzertes ging es mir ähnlich wie kurz vor einem Kostümwettbewerb, nur erheblich stärker in der Ausprägung: Ich fragte mich, wieso ich mir so etwas überhaupt antue, stellte mir vor, wie schön es wäre, jetzt einfach passiv zu hause bleiben zu dürfen, redete mir ein, dass ich es überlebe, ganz egal wie schrecklich es vielleicht auch werden möge, und wünschte ungefähr 100.000mal, es sei schon der Abend nach dem Konzert.
Aber Kneifen war natürlich zu keinem Zeitpunkt wirklich eine Option, schon wegen meiner Mitsänger nicht, die ebenfalls viel Zeit und Geld in die Proben investiert hatten.
In meiner Partitur stand Donna Anna und Don Ottavio treten in Trauerkleidung ein
, also griff ich zu einem schwarzen Empire-Kleid – mit Schwarz kann ich als Goth reichlich dienen.
Ich war um 14:45 Uhr wie so oft als einer der ersten vor Ort. Zwischen 15 Uhr und 16 Uhr sollten das Einsingen und ein letzter Schnelldurchlauf durch alle Nummern stattfinden. Zu meinem großen Verdruss ging es recht langsam voran und wir waren die letzten . Dies wäre alleine noch nicht schlimm gewesen, aber wie schon beim letzten Mal durften die Zuhörer bereits vor Beginn des eigentlichen Konzertes in den Saal. Als wir endlich dran waren, war alles schon vollbesetzt und wir konnten nur schnell leise durch ein paar schwierige Stellen unseres Stückes hasten.
- Ich hasse es.
Ich finde es fast noch schlimmer, wenn wenige Unbeteiligte bei halbgaren Proben zusehen als viele beim richtigen Auftritt, das geht mir bei irgendwelchen Kostüm-Aktionen genauso.
Der Blick zuvor ins Programm hatte meine Befürchtungen bestätigt: Unser Ensemble-Stück kam ganz zum Schluss, nach je zwei 60 min-Blöcken plus Pause.
- Auch das hasse ich, das kenne ich ebenfalls zu genüge von diversen Kostüm-Auftritten.
Man muss wie auf heissen Kohlen warten, bis man endlich dran ist, und hat vor Lampenfieber bis dahin kaum Augen und Kapazitäten, an etwas anderes zu denken.
Außerdem ist es nicht gerade günstig, wenn man sich über 2 h zuvor eingesungen hat, der Nutzen tendiert nach so langer Wartezeit gegen Null. Bei leichteren Stücken wäre das weniger dramatisch, aber bei dem Stück, wo ich mich ständig nur in den höchsten Tonlagen herumtreibe, wäre es mir schon wichtig gewesen, ordentlich vorbereitet zu sein. Keine Ahnung, ob Stimmbänder reissen oder auch einen Muskelkater bekommen können
, aber zumindest kann es schrecklich klingen.
Nun, der große Moment kam und verging…
Und ich kann leider nicht einmal sagen, wie es war.
Ich weiss zwar, dass ich bei den Proben auf jeden Fall schon einmal besser war, aber schrecklich fand ich weder uns im Allgemeinen, noch mich im Speziellen. Vor lauter Aufregung kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, ob ich das gefürchtete a” of death nun versemmelt habe oder nicht.
Seit dem ersten Konzert, dem Feedback darauf und der Aufzeichnung davon, weiss ich, dass sich meine Selbsteinschätzung zumindest in Konzert-Situationen überhaupt nicht mit der Realität deckt. Ich neige dazu, das Ganze wesentlich schlechter zu beurteilen als Außenstehende.
- Einmal abgesehen von der Tatsache, dass meine beiden Lehrer der begründeten Meinung sind, die überwiegende Mehrheit der Zuhörer bei solchen Konzerten habe ohnehin keine Ahnung von den Stücken oder Gesang allgemein und bemerke die meisten Fehler nicht einmal.
Ich hätte deshalb gerne jemand anderen gefragt, wie es war, aber mein Gesangslehrer sang ja nun mit und konnte das Ganze selbst nicht von außen beurteilen. Meine Gesangslehrerin war zwar ebenfalls dort mit ihren zwei kleinen Kindern, aber sie wurde ständig umlagert, und ich kam nicht an einer stillen Minute an sie heran, um sie zu fragen. Und sonst kannte ich Publikum niemanden.
Das führte dazu, dass ich nach dem Konzert zwar sehr erleichtert und aus den bekannten Gründen auch wieder recht stolz auf mich war, aber eben nicht übermäßig begeistert. – Allerdings war mir vorher schon klar, dass es so laufen würde. Ich kenne mich schließlich.
Als ich danach wieder normal Unterricht hatte, sagte Orlando, er habe viele positive Rückmeldungen zu unserem Stück erhalten.
Leider gibt es nicht viele Bilder von unserem Auftritt, von offizieller Seite wurden diesmal keine gemacht. Ich habe kurz zuvor jemanden, den ich bis zu diesem Tag nicht kannte, mein neues Handy samt Kamera in die Hand gedrückt und gebeten ein paar Fotos zu schießen.
Mit Aufnahmen verhält es sich ähnlich. Eine offizielle DVD wird es nicht geben, aber angeblich haben Angehörige einer Schülerin das Konzert aufgezeichnet. Ich habe darum gebeten, mir eine Kopie zu machen, aber es wird wohl einige Zeit dauern, bis ich sie in die Finger bekomme.
04.07.2009, 01:20 Uhr
2054 Wörter
Kategorie(n) Muse, Vertraulichkeit: 0
Tags fotos, gesang, musik, oper
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ich muß zugeben, dass ich klassische Musik nur instrumental mag. Und Opern sind mir i. d. R. ein Graus. Nur Chöre kann ich ertragen. Sorry
Kommentar 1
04.07.2009, 09:59 Uhr
Ob man nun Opern mag oder nicht, wenn man selbst singt, ist es doch etwas ganz anderes und Du hast auf jeden Fall ein dickes Lob für Deinen Auftritt verdient. Operngesang ist schließlich keine leichte Kunst.
Was neue Lieder betrifft, geht es mir ähnlich wie Dir, meist muss ich die Lieder auch mehrmals hören, um mit ihnen vertraut zu werden, bevor sie mir gefallen.
Kommentar 2
05.07.2009, 20:52 Uhr
Kaikala
oh manno… hätte dich doch mal gern gesehen bzw.gehört….
Ich glaub man denkt von sich selber immer schlechter als man war oder ist. Find ich auch gut. Es gibt genügend Leute die denken die wären super klasse und sind es absolut nicht!! Siehe DSDS !!
Und eine gesunde Selbstkritik hat noch keinem geschadet. Freu mich schon wenn es endlich was zu hören gibt von dir…
Kommentar 3
12.07.2009, 12:17 Uhr
Jessica
@Tharanis: Danke. Du verstehst mich wie immer.
@Kaikala: Das nächste Konzert kommt bestimmt. Genau genommen im Dezember.
Jo, aus dem Grund gucke ich auch immer die ersten Castings bei DSDS. Das ist so ungemein aufbauend.
Obwohl ich gerne etwas von dem Selbstvertrauen hätte, was einige der Kandidaten dort zu viel haben…
Kommentar 4
25.07.2009, 02:42 Uhr