Auch wenn es schon eine ganze Weile her ist, darf ich keinesfalls das “Dark Passion Play”-Konzert meiner Lieblingsband (immer noch
) “Nightwish” am 19.03.2008 in Dortmund undokumentiert lassen.
Wie bisher üblich war ich wieder mit Ingo unterwegs. Das Konzert war mitten in der Woche, d.h. ich war erst arbeiten, hatte dann einen längeren Therapietermin, und Ingo musste mich anschließend am späten Nachmittag mit dem Auto mitten in der Innenstadt von Düsseldorf vor dem Justizministerium einsammeln.
Bei meinem Glück ging es mir an dem Tag natürlich mal wieder ziemlich mies. Mein Schädel dröhnte unglaublich, so dass ich schon vor Fahrtantritt – wie bei starken Kopfschmerzen üblich – zwei unterschiedliche Schmerzmittel in respektablen Mengen einnahm.
Während ich mit Übelkeit und Kopfschmerzen rang, brausten wir über die Autobahn nach Dortmund, und ließen zur Einstimmung wie sonst auch die aktuelle CD laufen. Das Konzert fand diesmal in der Westfalenhalle statt. Ich war skeptisch, was die Auslastung betraf…
Ich war vor Jahren schon einmal in der Westphalenhalle gewesen mit meinem Kollegen Stephan und den Websozis, in der er damals noch Mitglied war. Anlass war eine große Wahlkampfveranstaltung der SPD – “Doris ihren Mann seine Partei”
– zur Bundestagswahl 2002.
Das Ding ist ordentlich groß und fasst satte 14.000 Personen, kein Vergleich zu den vorigen Hallen, in denen ich die Band gesehen hatte: 2001 zur “Century Child”-Tour und 2004 zur “Once”-Tour, beide Male im Kölner Palladium, in das vielleicht 1000 bis 2000 Leute passen (schätze ich mal, aber ich bin nicht wirklich gut in so etwas).
Dieses Mal waren wir recht früh da. Auf dem Parkplatz herrschte noch gähnende Leere. Auch vor der Halle war noch so gut wie nichts los, der Einlass noch in weiter Ferne. Zum Glück gibt es ein Café in der Nähe, die “Rosenterrassen”, wo wir und einige wenige andere Fans im nur mäßig gefüllten Speiseraum in der Wärme warten und dabei Kaffe bzw. Kakao schlürfen konnten.
Irgendwann brachen wir dann auf und reihten uns in die noch verhältnismäßig kurze Schlange vor dem Eingang ein. Während der Warterei wurde uns zugetragen, dass seit geraumer Zeit bei der eisigen Kälte etliche “Tokyio Hotel”-Fans im Park um die Ecke kampierten – für deren Konzert am 31.03.2008.
Das nenne ich mal fanatisch motiviert. Irgendwie war ich nie so jung.
Ich hatte 2 Tage zuvor noch einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen. Ich hätte mir das Spektakel ja zu gerne einmal angesehen
, aber wir wollten natürlich deswegen den Platz in der Schlange nicht verlassen, und nach dem Konzert war ich zu müde.
Ingo verkaufte während dieser Gelegenheit sein Ticket für den Innenraum mit 30 € Verlust. Ich hatte vorher für ihn in diversen Foren inseriert, aber es hatte sich kein Interessent gemeldet. Dumm gelaufen, aber eigentlich war er selbst schuld. Er hatte die Karte gekauft, ohne mich vorher zu fragen, ich wollte jedoch keinesfalls einen Stehplatz im Innenraum, wenn es doch massig Sitzplätze gibt. Ich erinnere an das letzte Konzert, das mit seiner stundenlanger Steherei für mich eine Tortur war. Ich meinte, ich würde mir nötigenfalls auch alleine eine Sitzplatzkarte kaufen, weil ich besser damit leben kann, während des Konzerte alleine zu sitzen als stundenlang mehr Schmerzen als nötig zu haben und nur noch das Ende des Konzertes herbeizusehnen. Er kaufte daraufhin für uns zwei Sitzplätze in der Hoffnung, dass sich irgendein Abnehmer für den Stehplatz findet, was eben leider nicht passierte, zumal keiner von seinen Leuten, die sonst oft dabei sind und sicher auch Stehplatzkarten genommen hätten, mehr kam.
Nach der üblichen Taschendurchsuchung irrten wir wie zahlreiche andere Konzertbesucher durch die Halle auf der Suche nach unseren Sitzplätzen… Ich fand die Beschilderung äußerst schlecht und das war sie wohl auch – an mangelnder Lesefähigkeit und IQ-Pünktchen lag es bei mir jedenfalls nachweislich nicht.
Nach etlichen Fehlversuchen fragten wir uns mit Hilfe der Kartenabreisser zu unserem Ziel durch. Irgendwann saßen wir dann endlich, und es stellte sich heraus, dass unsere Plätze eine hervorragende Wahl gewesen waren: Erster Balkon vor dem unbestuhlten Innenraum, linke Seite der Bühne, zweite Reihe, die zwei Sitze direkt neben dem Treppenabgang, d.h. ungehinderte Sicht auf die nahe Bühne und jederzeit freier Zugang zu Getränken und Abort. Besser geht es ja gar nicht.
So eine gute Sicht hatte ich noch nie auf irgendeine Band.
Während des Wartens auf den Beginn des Konzertes und den Vorbands ging uns nur allmählich die allgemeine Unruhe auf die Nerven. Ständig wollten Leute hinein in unsere Reihe oder wieder heraus. Ein Kind brachte es auf sage und schreibe 4mal.
Lustig waren auch die Leute, die sich ständig neben mir in der Dunkelheit in Grüppchen auf der Treppe sammelten und ewig lange über ihrem Ticket brüteten und rätselten, ob das wohl ihre Reihe sei, anstatt einfach jemanden zu fragen.
Egal – die Vorbands:
Erwähnte ich schon einmal, dass ich diese Erfindung nicht schätze und alles über der Anzahl 1 als Zumutung empfinde? Ja, auch dieses Mal wurde ich nicht geschont, man beglückte uns mit der doppelten Ladung.
Nun ja, zumindest musste ich diesmal während der Zeit nicht stehen.
Erst gab es die “Krieger”, die mich ein wenig an “In Extremo” erinnerten – was aus meinem Munde durchaus nichts Schlechtes heisst – und die ich schon einmal irgendwo gesehen bzw. gehört hatte.
Danach die offensichtlich von etlichen mit Spannung erwartete Band “Pain”. Ob sie ihrem Namen alle Ehre machten oder an die subjektive Qualität der Musik kann ich mich nicht mehr erinnern, nur noch daran, dass ich danach auf dem linken – der Bühne zugewandten – Ohr hinterher ziemlich taub war.
Das nächste Mal nehme ich noch Ohrstöpsel mit, damit ich mein Hörvermögen nicht schon temporär vor dem Haupt-Akt einbüße.
Der kam irgendwann auch endlich zum Entzücken aller Besucher. Die Stimmung war wie immer gut, man merkte keine Zurückhaltung beim Publikum oder bei der Band, wie ich schon anhand des Wechsels der ja nicht gerade unwichtigen Lead-Sängerin befürchtet hatte.
Die Spielliste, soweit ich mich erinnere, in der ungefähren Reihenfolge, die letzten drei waren die Zugabe:
Hier sind übrigens die offiziellen Aufnahmen von “Nightwish” auf YouTube.
Es fehlten mit “Cadence of her Last Breath” und “7 Days to the Wolves” zwei der meiner Meinung nach besten Lieder des neuen Albums.
Erstaunlicherweise wurde kein einziger Song aus dem Album “Century Child” gespielt, dabei wären etliche der Songs für Anettes Stimme vermutlich besser geeignet gewesen als so manches der alten Lieder, die sie zum Besten gegeben haben.
Ich meine mich zu erinnern, dass die Spielzeit ziemlich genau 2h betrug, aber ich würde nach der Zeit dafür meine Hand nicht ins Feuer legen.
Ich hatte den Eindruck, dass diesmal mehr live gespielt wurde. Bei etlichen Stücken gerade vom Album “Once”, das recht Chor- und Symphonieorchester-lastig ist, kommt sonst einiges notgedrungen vom Band, aber das neue Album kommt da mit weniger aus bzw. man sorgte für entsprechenden Ersatz. So wurde “The last of the Wilds” (leider) ohne Bagpipe gespielt, stattdessen klimperte Tuomas den Part auf dem Keyboard. (Übrigens werden dessen Haare auch immer länger, er sieht schon aus wie ein Doppelgänger von Jack Sparrow.)
Wie immer war das Konzert auch etwas für die Augen.
An das Bühnenbild kann ich mich leider nicht mehr erinnern – im Zweifel war es schwarz und düster.
Diesmal gab es Schnee statt Regen bei “Nemo”, wieder Funkenfontänen bei jeder gleichlautenden Zeile von “I wish I Had an Angel”. Es gab Funkenräder, kleine Raketen, die durch die Gegend flogen, und plötzliche auflodernde Feuersäulen, deren Hitze man teilweise sogar bis zu unseren Sitzplätzen spüren konnte.
Rosa Konfetti
gab es diesmal nicht, aber dafür flog bei einem Song – ich denke, es war “Poet and the Pendulum” eine Art rotes Lametta durch die Gegend und verfing sich teilweise im gigantischen Lautsprecher unter dem Hallendach.
Um auf die Größe der Halle zurückzukommen: Sie war wie zu erwarten natürlich nicht ausverkauft. Bei den Stehplätzen im Innenraum war noch massig Platz nach hinten, Platzangst konnte man dort nicht bekommen, und auch viele Sitzplätze waren frei. Die guten freilich nicht, in unserem Block und den vergleichbaren gab es keine Lücken, sondern auf dem 2. Rang oder die ganz seitlich von der Bühne. Ich weiss gar nicht mehr, ob dort überhaupt jemand saß, vielleicht hatte man die auch gar nicht zum Verkauf angeboten wegen der schlechten Sicht oder weil von vorneherein klar war, dass es nicht voll werden würde.
Das Publikum war deutlich anders als die Konzerte zuvor. Es gab weniger Goths und Metaller und wesentlich mehr Normalos, Emos, Typen, die man eher bei auf einem “Böhse Onkelz”-Konzert vermuten würde, viele Konzertbesucher fortgeschritteneren Semesters und kleine Mädchen, die vermutlich noch im Kindergarten waren, als ich mein erstes “Nightwish”-Konzert besuchte.
Erwähnenswert fand ich noch den Ausdruckstänzer vor bzw. unter uns im Innenraum, der sich so verausgabe, dass er am Ende des Konzertes von seinen Kumpels gestützt nach draußen geleitet werden musste.
Beim Hinausgehen gab es einen äußerst unangenehmen und hartnäckigen Stau. – Als Fußgänger habe ich bisher so etwas nur einmal zuvor erlebt, in der Kölner Fußgängerzone kurz vor dem Dom zur Weihnachtszeit in Strömen von Touristen.
Hier war wohl der Merchandise-Stand schuld, er lag – wohl in Ermangelung von Alternativen – taktisch ungünstig auf dem Weg zum Ausgang und blockierten die Hälfte des an sich recht breiten Ganges.
Eigentlich bekomme ich nicht so schnell Panik in Menschenmengen, aber da war ich wirklich kurz davor, weil es von hinten weiter schob, während vor mir nichts ging.
Man konnte gar nicht viel Einfluss darauf nehmen, wohin und in welcher Geschwindigkeit es einen trug. Auch andere Besucher um mich herum fragten sich, was wohl passieren würde, wenn unter den Umständen ein Feuer ausbrechen würde. Jetzt kann ich mir jedenfalls lebhaft vorstellen, wie es zu Situationen von Massenpanik und totgetrampelten und totgequetschten Leuten kommt.
Eine gefühlte Ewigkeit später war der Engpass überwunden und ich war mehr als erleichtert.
Dies war mein erstes “Nightwish”-Konzert ohne Tarja Turunen und ohne “Sleeping Sun”
– der erste Song, den ich je von “Nightwish” gehört habe und seitdem Dutzenden von Menschen mit großem Erfolg ans Herz, äh, ins Ohr legen konnte. (Ich sage scherzhaft immer, dass der eines Tages einmal auf meiner Beerdigung gespielt werden soll, aber ich meine es durchaus ernst damit.
)
Was die neue Sängerin betrifft, scheiden sich auch 3 Jahre nach Tarjas Rauswurf immer noch die Geister, wie man auch an den Kommentaren zu den YouTube-Videos sieht. Für die einen ist “Nightwish” zu dem Zeitpunkt gestorben und Tarja unerreicht, die anderen meinen, es sei gut, dass man sie los sei und die Neue sei doch viel besser.
Ich schließe mich keiner Fraktion an.
Ich mag die Musik von “Nightwish” mit beiden Sängerinnen. Beides ist für mich gute Musik auf ihre unterschiedliche Art.
Meine Lieblingsalben sind das Chor- und Orchester-lastige “Once” mit Tarja Turunen und das bombastische “Dark Passion Play” mit Anette Olzon, mit Ausnahmen einzelner Songs die mir in anderen Alben gut gefallen bzw. in diesen beiden nicht.
Ich weiss, ich sagte zu Anfang auch, das neue Album gefiele mir nicht so gut, aber ich musste meine Meinung revidieren, nachdem ich es einige Male gehört habe – das geht mir eigentlich immer so.
Ich mag übrigens auch Tarjas Solo-Album “My Winterstorm” sehr gern.
Ich finde Anettes Stimme bzw. das, was sie aus den neuen “Nightwish”-Songs macht, sehr gut, besser als sonst irgendeine weibliche nicht-klassische Stimme anderer Bands, die ich gerne höre. Sie ist kraftvoll, hat dabei aber immer einen schönen Klang. Live ist sie nicht ganz so gut wie auf dem Album, aber das galt auch für Tarja – wie eigentlich für jeden Musiker. (Ja, ich rede aus eigener Erfahrung.
)
Aber natürlich bedauern es der Klassik-Freund und die Hobby-Opernsängerin in mir immer noch sehr, dass die Sängerin keine klassische mehr ist, da ich klassische weibliche Stimmen nun einmal am schönsten von allen finde und es das war, was “Nightwish” so einzigartig gemacht hat. Bis heute gibt es immer noch nichts Vergleichbares.
In einem kann ich vielen anderen Fans jedoch zustimmen:
Anette sollte nicht die alten Sachen singen.
Bis auf ein paar seltene Ausnahmen finde ich das Ergebnis nicht so prickelnd. Vielleicht ist es nicht wirklich schlecht, wenn man jemanden fragt, der “Nightwish” vorher nicht kannte, aber ich weiss eben, wie die Stücke ursprünglich klingen sollten.
Da sie nun einmal Tarjas Stimmumfang vor allem in der Höhe nicht ansatzweise erreicht, kamen wohl viele der alten Stücke von vorneherein nicht in Frage. Bei denen, die sie dann doch noch spielen, wurden die entsprechenden Parts abgeändert, die in der alten Fassung nicht zu machen waren. Also wenn es z.B. eigentlich in luftige Höhen ging, setzt Anette nun z.B. auf der Tonleiter wieder weiter unten an und singt noch ein paar eher rockige, äh, Schlenker. (Keine Ahnung, wie man das beim Pop-/Rock-/Musical-Gesang nennt, wir Klassik-Fuzzis nennen das einfach Verzierung.) Finde ich persönlich nicht so schön und nach einer Weile auch ziemlich langweilig, weil es immer recht gleich klang.
(Oben in der Liste habe ich zum Vergleich, sofern verhanden, die Stücke in der alten Tarja- und in der neuen Anette-Version verlinkt.)
Und hier noch etwas, was für viele Fans ein alter Hut sein dürfte, mir aber neu war und durch batch zugetragen wurde: “Wishmaster – the misheard lyrics”. (Hier ist der richtige Text.) Ich habe mich weggeschmissen vor Lachen.
Danke für diesen Bericht, lese ja immer sehr gerne deine Konzertberichte, weil wir ähnliche Musik mögen und ich es aus finanziellen Gründen leider kaum auf ein Konzert schaffe
.
Aber natürlich bedauern es der Klassik-Freund und die Hobby-Opernsängerin in mir immer noch sehr, dass die Sängerin keine klassische mehr ist, da ich klassische weibliche Stimmen nun einmal am schönsten von allen finde und es das war, was “Nightwish” so einzigartig gemacht hat. Bis heute gibt es immer noch nichts Vergleichbares.
Kennst du Epica oder Therion? Hab das jetzt mal mit lastfm verlinkt, weil du dir da einige Musikstücke anhören kannst
. Beide haben klassische Sänger/innen, wohingegen mir persönlich Epica fast besser gefällt, Therion arbeitet mehr mit Chorelementen und ist etwas “härter”. Kann dir aber beide nur wärmstens ans Herz legen, denke sie könnten dir gefallen
.
Gern geschehen.
Bei der Menge an Themen, über die ich derzeit bloggen könnte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir noch die Zeit für so einen alten Konzertbericht nehmen sollte, aber da ich wusste, dass zumindest Du sie immer liest…!
Ich weiss nicht, ob ich schon mal etwas von “Therion” gehört habe, das könnte ich sonst noch nachholen.
Von “Epica” habe ich sogar eine CD, “Divine Conspiracy”. Ich habe sie mir letztes Jahr in einem verzweifelten “Hilfe-ich-brauche-dringend-neue-Musik”-Anfall gekauft. Aber ehrlich gesagt, die Musik gefällt mir leider nicht.
Die Sängerin hat zwar eine ganz nette Stimme, aber sooo begeistert war ich nun nicht – ob das nun an der Stimme oder nur an den Stücken liegt, sei mal dahingestellt. Und sonst konnte mich die Musik auch nicht überzeugen. Vor allem das kehlige Gegrummel (“Grunts / Screams”) der männlichen Bandmitglieder kann ich gar nicht haben, das macht mich regelrecht aggressiv .
Ich bleibe dabei: Musik wie die von “Nightwish” zu Tarjas besten Zeiten gibt es bislang leider kein zweites Mal.
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