Spätestens seitdem ich 11 Jahre alt bin und zum weiter entfernten Gymnasium fahren musste, benutze ich für den Hin- und Rückweg so gut wie ausschließlich täglich 1 bis 3 Stunden bzw. 2 bis 80 km öffentliche Verkehrsmittel: Bus, U-Bahn, S-Bahn, Regionalexpress.
Ich habe ja schon einiges erlebt, aber der Stunt von gestern war das Spektakulärste bisher: Die Straßenbahn, in der ich saß, rammte auf der Kreuzung einen Transporter und quetschte ihn zwischen eine Mauer.
Seit dem Umzug fahre ich jetzt fast nur noch oberirdisch, während ich von Düsseldorf seit meiner Versetzung 2000 bis dahin jahrelang fast nur düstere U-Bahn-Tunnel kannte – langweilig, aber relativ sicher. Denn abgesehen von relativer, angenehmer Wärme im Winter und Kühle im Sommer hat das U-Bahn-System noch einen entscheidenden Vorteil: Es ist sicherer. In den Tunneln treiben sich keine unachtsamen Fußgänger, Radfahrer oder Autos herum. Die meisten Unfälle gehen nämlich nicht auf Kosten der Bahn-Fahrer, sondern der anderen Verkehrsteilnehmer. Der gestern ebenso.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit mit der Linie 701, die von Düsseldorf-Benrath im Süden bis Düsseldorf-Rath im Norden quer durch die ganze Stadt fährt.
Im Südpark in Uni-Nähe steige ich morgens zu, weil ich dann lieber faul den Bus vor der Haustür nehme, während ich auf dem Rückweg weiter bis zur Ickerswarder Straße fahre und den letzten Kilometer laufe. Da ich von Wersten (Wohnung) bis Derendorf (Büro) fahre, sitze ich eine ganze Weile in dieser Linie, die leider zu diesen Zeiten vor Schulkindern immer fast platzt – allerdings nehme ich die längere Fahrtzeit und längeren Fußweg zum Büro in Kauf, weil ich im Gegensatz zu den U-Bahn-Verbindungen bei der 701 nicht umsteigen muss und daher die Zeit besser für etwas Angenehmes wie Lesen nutzen kann. Die 701 ist manchmal eine der neuen, silbernen Niederflurbahnen, manchmal noch eines dieser Uralt-Schätzchen, in die man fast schon klettern muss – da beide leider nicht klimatisiert sind, finde ich die alten gemütlicher.
In der Stadtmitte, nachdem die Bahn glücklicherweise die Schulkinder und etliche Berufspendler schon losgeworden und nur noch mäßig gefüllt war, passierte es dann auf der Kreuzung Steinstraße / Berliner Allee in der Nähe der berüchtigen Kö(nigsallee):
Die Bahn, an diesem Tag eines der alten Exemplare, überquerte auf der Berliner Allee gerade die Steinstraße von Süd nach Nord, als es einen Knall gab. Sie bremste stark ab, weswegen dann die Insassen quer durch die zwei Waggons flogen. Ich hatte Glück und wie meist ab Stadtmitte im hinteren Teil des hinteren Waggons einen Sitzplatz, aber aus dem wäre ich auch herausgeflogen, wenn ich unachtsam gewesen wäre, da es einer in Fahrtrichtung war. Die Geschwindigkeit war nicht sehr hoch, aber die Bahn brauchte etliche Meter Bremsweg, um stehenzubleiben. Solche Vollbremsungen sind bei den oberirdischen Bahnen aus oben genannten Gründen gar nicht so selten, aber dass es diesmal mehr als nur ein Ausweichmanöver war, merkte man am Knall vorher.
Das Schreckliche war jedoch, dass man innen deutlich spürte, wie die Bahn über irgendetwas drüber rollte, und zwar an meiner Seite. Sie machte beim Überrollen von etwas einen deutlichen Hüpfer. Da ich ja vorher nichts gesehen hatte, war alles, was ich denken konnte: O Gott, wir haben gerade jemanden überfahren.
Ich sage Euch, der Gedanke, dass gerade unter meinen Füßen ein Mensch zermalmt wird, war grauenvoll, mir fingen die Knie und Hände an zu zittern und wünschte mich ganz weit weg. Als die Bahn endlich vollständig zum Stehen kam, wies der Fahrer per Lautsprecher die Fahrgäste an, die Bahn nicht zu verlassen. Ich fühlte mich bestätigt – er wollte nicht, dass wir aussteigen, die Überreste des armen Teufels sehen und womöglich selbst noch in Gefahr oder Schock geraten.
Es dauerte ungelogen vielleicht eine Minute, dann kamen Motorräder und Wagen der Polizei sowie ein Rettungswagen angerauscht. Die Leute begannen nun doch alle auszusteigen. Ich wollte zwar nicht, weil der Fahrer eben noch um Gegenteiliges gebeten hatte und ich gar nicht sehen wollte, was da genau passiert war, aber genauso wenig wollte ich als einzige wollte in der Bahn bleiben. Die Polizei war gerade selbst erst eingetroffen und noch nicht dazu gekommen, irgendetwas zu regeln, also lief ich den anderen einfach nach und richtete den Blick starr nach vorn, wo auch der schnellste Weg weg von dem Unfallort war: Der Eingang zur U-Bahn-Haltestelle Steinstraße/Königsallee. Genau dort lagen jedoch die Überreste von dem, was wir gerammt und quer über die Kreuzung geschoben hatten, ein Transporter. Von hinten sah er ganz ok aus, auf Grund der Baustelle auf der anderen Straßenseite hielt ich ihn zuerst für ein Fahrzeug der Bauleitung oder Verkehrsbetriebe und glaubte einen Moment lang, es sei vielleicht doch nur eine Bauabsperrung oder ähnliches gewesen, was da platt gefahren wurde. Aber dann sah ich, dass er zwischen die schätzungsweise 1,50 m große Lücke zwischen Bahn und der u-förmigen Mauer des U-Bahn-Treppenabgangs gequetscht worden war. (Man kann das auf den Aufnahmen von Google Maps gut sehen, links oben über dem Marker.) Was wir überrollt hatten, waren wohl Teile des Wagens gewesen, ich hatte einen ziemlich großen Rückspiegel neben den Schienen liegen sehen. (Ein Kollege erzählte mir später, wäre es ein Mensch gewesen, hätte man bei der tonnenschweren Bahn gar nichts gespürt. Beruhigt mich jetzt nicht wirklich, zumal es auch ein Fahrrad hätte sein können.)
Ich wollte schon gar nicht weitergehen, damit ich nicht die Überreste der Insassen sehen muss. Aber wie gesagt, die U-Bahn war der schnellste Weg fort. Ich umrundete schnell die Mauer und lief ohne stehen zu bleiben die Treppe hinab – ich konnte trotzdem nicht anders und riskierte einen Blick geradeaus direkt auf die Ecke und den Fahrraum des zerquetschten Wagens. Zu meiner mehr als großen Erleichterung ging es dem Mann offensichtlich gut, er bewegte sich und war anscheinend weder verletzt noch eingeklemmt, er kam jedoch nicht heraus, weil beide Türen zerquetscht und blockiert waren. Wäre noch eine Person darin gewesen, hätte es vermutlich anders ausgesehen, denn wo der Beifahrersitz war, ragte die Ecke der Mauer in den Wageninnenraum.
Einige Leute blieben stehen, um zu schauen, ich sah sogar welche, die mit dem Handy Fotos schossen.
Ich verschwand wie geplant so schnell wie möglich ohne Stopp. Erst nachher fiel mir ein, dass ich als Insasse der Unfall-Bahn vielleicht doch hätte bleiben sollen, aber erstens wollte ich nicht im Weg herumstehen, und zweitens hätte ich als Zeuge ohnehin nichts beitragen können, außer dem Aufprall hatte ich vom Geschehen nichts bemerkt.
Unten an der Treppe traf ich eine Frau, die genauso erleichtert aussah wie ich mich fühlte, und sagte zu ihr, dass ich so froh sei, dass dem Mann nichts passiert sei, er unglaubliches Glück gehabt habe und ich gedacht habe, wir hätten jemanden überrollt. Es stellte sich heraus, dass wir aus der gleichen Ecke kamen und den gleichen Weg hatten und unterhielten uns noch eine Weile, bis sich auf der Straße die Wege trennten. Sie saß im ersten Wagen und hatte gesehen, wie es passiert war: Der Wagen war an der Kreuzung abgebogen, obwohl dies dort verboten ist. Auf die Bahnen hatte er dabei offensichtlich gar nicht geachtet.
Die Feuerwehr musste ihn nachher herausschneiden, der Bahnfahrer erlitt einen Schock, 45.000 € Sachschaden.
Der ganze Akt hatte keine 10 Minuten Verzögerung gekostet, aber ich brauchte noch eine Weile, bis ich mich von dem Schreck am frühen Morgen erholt hatte. Normalerweise trinke ich ja gar nicht bis äußerst selten, aber in dem Moment hatte ich ein Gläschen Wodka gut vertragen können.
Ich wartete vergeblich auf mehr Informationen im Lokalradio, aber als ich die Geschichte einem Kollegen im Besprechungsraum vor einem Meeting erzählte, wusste einer der Teilnehmer aus den Nachrichten Bescheid.
Glück gehabt alles in allem, aber es hätte auch anders ausgehen können. Solche Unfälle – im ÖPNV-Jargon auch euphemistisch “Personenschaden” genannt, insbesondere bei Suizidfällen – gibt es gar nicht so selten. Erst als ich wegen des explodierten Durchlauferhitzers und anschließendem Termin mit der Sanitärfirma im Januar in meiner neuen Wohnung war, wartete ich auf dem Rückweg ewig vergeblich auf eine U-Bahn Richtung Hauptbahnhof. Hinterher stellte sich heraus, dass auf der Bahnstrecke zwischen Holthausen und Wersten auf der Kölner Landstraße ein Mensch von der Bahn getötet worden war. Wie mir ein Taxifahrer und die Frau aus der Bahn erzählten, kommt es auf der gesamten Straße öfter zu solchen Unfällen, weil die Fußgänger zu unvorsichtig sind oder sich angesichts von 2 Spuren Schienen und 4 Spuren Autofahrbahn beim Überqueren ohne Ampel überschätzen.
Mein Bedarf an solchen Abenteuern beim täglichen Bahnfahren ist nun wirklich gedeckt mit diesen beiden Vorfällen, den vorherigen sowie dem von vor einem Jahr, wo ich auf dem Weg zur Klinik einen Regionalexpress verlassen musste, auf dessen Türschwelle ein Mann mit Herzinfarkt wieder belebt wurde, während wir anderen an ihm vorbei das Gleis verließen.
- Unglaublich, und so etwas wie ich war einmal Sanitätsdiensthelfer beim DRK – aber genau deswegen habe ich ja aufgehört.
Das ist ja ein Erlebnis gewesen.
Viele haben es nur eilig und wollen schnell wohin, ohne den Rest des Verkehrs im Auge zu behalten.
Unachtsamkeit und hecktik ist ein typischer Unfallverursacher.
Wenn ich morgens zur Arbeit muss und über die Landstraße fahre, komm ich mir vor wie auf einer Autobahn.
Es ist sehr erfreuend das dir nicht ernstes zugestoßen ist.
Teu teu teu
Angy
Ich bin auch froh dass dir nichts passiert ist
Der Fahrer hatte mit Sicherheit auch einen Schutzengel
an seiner Seite
Hätte auch anders aussehen können …
Solche Momente sind echt zum
Ingo
Hi ,da bin ich aber froh das dir nichts Passiert ist,und du die Sache gut überstanden hast.Ich sag ja immer wieder Lkw Fahrer haben Silikongehirne,die sind der Meinung ihnen gehört die Straße.
So denn live long and prosper,schönen Gruß Ingo
jos
Ach herrjeh
Wie gut, dass Dir nichts passiert ist! Ich kann mir schon gut vorstellen, wie es Dir gegangen sein muss. Ein Freund von mir arbeitet bei der Bahn und musste schon 2 solcher Personenschäden mit ansehen. Das wünsch ich wirklich keinem …
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