Schattendings

Geschichten aus dem Dunkel seit 2002

Inhalt:

Die Vergessenen

Kein schönes Thema, aber ich will es nicht unkommentiert lassen.

Insbesondere sensible Tierfreunde sollten überlegen, ob sie das hier lesen oder gar dem Link zum entsprechenden Spiegel-Artikel folgen…

Seit Hurrikan Katrina tue ich mir masochistischerweise jeden Internet- und Fernseh-Bericht über die Zerstörung von New Orleans an, weil ich immer noch nicht fassen kann, was dort passiert ist:
(Bitte keine Diskussion darüber, dass die USA eine Mitschuld an der Erderwärmung haben, Bush und seine Regierung unfähig sind oder auch in anderen Ländern Hundertausende sterben, ohne dass es scheinbar den Rest der Welt juckt. Das ist leider nichts Neues und auch nicht das Thema.)

Mir tun die Leute unglaublich leid, die Überlebenden noch mehr als die Toten.
Bei Umweltschäden wie den Fluten hierzulande gibt es noch Dinge zum Aufbauen, da jedoch ist nicht mehr viel zu retten. Eine ganze Stadt vernichtet und wohl unwiederbringlich verloren, Tausende Menschen tot, vor dem Nichts, scheinbar vergessen sich selbst und der Anarchie überlassen. Wer von den Angehörigen und Freunden hat überlebt und wo sind sie jetzt? Wohin gehen? Was tun?
Wie oft kommt so etwas vor heutzutage und das in einem der reichsten Länder der Welt?

Ich verstehe es einfach nicht.
Scheinbar geht es da nicht wenigen so wie mir, wenn ich an den Wut- und Tränenausbruch von Celine Dion letzte in einer amerikanischen Talkshow denke…
Ich kann sehr wohl die Leute verstehen, die dort blieben, weil sie einfach keine andere Möglichkeit hatten, weil sie nicht wussten womit oder wohin sie fliehen wollten, oder an dem hingen, was sie aufgebaut hatten.
Aber warum gab es danach es keine rechtzeitige und zielgerichtete Hilfe.
Fast alles, was man kurz danach im Fernsehen gesehen hat, ließ die staatlichen Hilfskräfte wie eine aufgeschreckte Hühnerschar aussehen, die von etwas völlig überrumpelt wurde und kopflos durch Gegend rennt, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Am Geld oder an fehlender Ausrüstung wird es nicht mal liegen. Haben die keine Notfallfpläne? Die wussten doch, dass dieser Hurrikane kommt, und wenn nicht dieser, dann doch ein anderer früher oder später mit diesem Kurs und dieser Kraft.

Bei den Bilder von Leuten, die in den Fluten auf den Dächern ihrer Häuser saßen und “rettet uns”-Schilder in Richtung Kamera hielten, habe ich mich auch gefragt, warum da anscheinend Fernsehreporter hingelangen, aber niemand, der die Leute da wegholt.
War schon auffallend, dass fast alle der Menschen, die ich in diesen Berichten gesehen habe, schwarz waren…
Am krassesten fand ich die Bilder vom Superdome, in das sich Tausende Menschen geflüchtet hatten: Die Mutter, deren Kind vor laufender Kamera einen Herstillstand hatte und das von panischen Frauen drumherum reanimiert werden musste, die schrien, dass man das unbedingt aufnehmen und dem Rest der Welt zeigen müssen – es gab einfach keine Rettungskräfte, die sich nach 4 vollen Tagen dorthin verirrt hatten. Oder die Augenzeugen, die berichteten, dass sie drinnen knöcheltief in Fäkalien standen, oder wie nachts junge Mädchen vergewaltigt wurden.

Besonders bei letzterem müssten eigentlich noch die Worte erfunden werden, um die Verachtung auszudrücken, die dieser Abschaum verdient. Ich kann die Plünderer und Diebe verstehen, die aus Angst vor dem Verhungern handeln, auch noch in gewissem Maße, wenn sie Zeug klauen, was nicht essbar ist – man könnte es ja tauschen, jetzt oder später. Ich finde es (leider) auch allzu menschlich, wenn man zuerst an das eigene Leben denkt und darüber andere vergisst. Aber DAS? Ich habe vollstes Verständnis für jeden Lynchmob, der diesen Abschaum am nächsten Baum aufknüpft. Wer in dieser Notsituation nur an seine Triebe denkt und Schwächeren in der gleichen Lage eines der schlimmsten Dinge antut, die man überhaupt einem Menschen antun kann, hat das verdient. Wenn man sich dann auch noch vorstellt, dass diese Subjekte vielleicht mal Nachbarn ihrer Opfer waren…! Zum Kotzen.

Hier sieht man auch wieder wunderbar, wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne der Welt ist. Auf den deutschen Fernsehsendern kommt schon jetzt kaum noch ein Bericht darüber und selbst Spiegel online, wo kurz danach jeden Tag mehrere Artikel veröffentlich wurden, bringt kaum noch etwas Neues darüber.
War beim Tsunami ja genauso.

Was mir jedoch vollends den Rest gegeben hat, war der Spiegel online-Bericht “Stadt der vergessenen Tiere” von letzter Woche über das Schicksal der Tiere in New Orleans.
(Und bitte keine Diskussionen darüber, dass ein Menschenleben mehr wert ist als ein Tierleben oder umgekehrt. Darum geht es nicht. Traurigweise muss man das erfahrungsgemäß meist bei solchen Gelegenheiten erwähnen, insbesondere als Vegetarier, weil man sonst als “Faschist” oder “Fanatiker” bezeichnet wird.)

Irgendwann vorher habe ich mich schon gefragt, was denn aus all den Vierbeinern wurde, die dort lebten…
Anders als beim Tsunami, wo hinterher fast keine toten Tiere gefunden wurden, weil die alle vorher flüchten konnten, hat der Durchschnitts-Hund oder die -Katze in einer amerikanischen Stadt höchstwahrscheinlich nicht die Möglichkeit. Und wahrscheinlich werden nur wenige Menschen dazu in der Lage gewesen sein, das Leben ihrer Haustiere zu retten, viele konnten ja nicht mal ihr eigenes retten.

Der Bericht bestätigt das alles und Schlimmeres. Ich weiss auch nicht wieso, aber ich habe ihn mir Freitag im Büro durchgelesen, saß danach wie zu erwarten heulend vor dem Monitor und bekomme die Bilder von dem ölverschmierten Hündchen und dem, der angebunden an einer Autobahnplane zurückgelassen wurde, bis heute nicht mehr aus dem Kopf. :zweifel:
Die Menschen hatten halt Vorrang. Die Hunde, die zu den Rettungsboten angeschwommen kamen, wurden zurück ins Wasser gestossen. Menschen mit Tieren wurden mitunter zwangsweise von ihnen getrennt. (Obwohl es sicher für einen Menschen, der gerade alles verloren hat, sicher ein großer Trost wäre, zumindest sein Haustier zu behalten!) Seuchengefahr, Platzmangel.

Im Gegensatz zu den Menschen können sich die Tiere noch weniger selbst helfen, wissen noch weniger, was passiert ist, können keinen Anweisungen oder Ratschlägen folgen, und warten – teilweise hilflos angebunden oder eingesperrt – auf ihre Besitzer, die höchstwahrscheinlich nie zurückkehren, und für sie kam gar keine Hilfe außer von vereinzelten Tierschützern.
Der einzige Trost ist, dass den Tiere ihr eigenes Elend weniger bewusst ist und die meisten von ihnen es mittlerweile hinter sich haben dürften…

Informationen zum Eintrag: Id 196 12.09.2005 22:17 Uhr 969 Wörter, 9mal angesehen Kategorie(n) Tierisches, Vertraulichkeit: 0 Tags , , Kommentare nicht (mehr) erlaubt Trackbacks / Pings nicht erlaubt
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Eine Reaktion

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Tharanis

Heul, das ist ja grausam und durch nichts zu entschuldigen. Ich würde jeden umbringen, der versuchen würde, mich von meinem Q zu trennen. Der Gedanke, was bei so einer Katastrophe mit den Tieren passiert ist, blitzte bei mir mal kurz auf, aber diesen Gedanken habe ich wohlweislich nicht weiter verfolgt.
Bei Flutkatastrophen in Deutschland habe ich schon im TV gesehen, dass Tiere auch gerettet wurden. Wer ein Tier anbindet ist sowieso ein Tierquäler, und der Hurrikan war lange genug angekündigt, um die Tiere frei zu lassen, damit sie wenigstens eine kleine Chance haben. Für Menschen, die Tiere im Stich lassen, habe ich null Toleranz, egal, wie dreckig es ihnen selber geht.

Kommentar 1 15.09.2005 20:43 Uhr

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