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Geschichten aus dem Dunkel seit 2002

Inhalt:

Weltjugendtag Köln 2005

Neusser Hauptbahnhof gesperrt durch die PolizeiWie immer mit etwas Verspätung ein paar Wörtchen über den Weltjugendtag vom 18. bis 21. August 2005 in Köln aus meiner Sicht:

Ich – Ex-Protestant, mittlerweile offiziell konfessionslos und Buddhismus- Sympathisant – bin wahrlich kein Freund der katholischen Kirche. Eigentlich sind mir alle Religionen mit Allwissenheits-Anspruch – allen voran das Christentum und der Islam – ziemlich suspekt und unsympathisch.
Aber mir sind Christen und sogar Katholiken sehr viel lieber als Nihilisten ohne jedes Fünkchen Ethik und Moral oder Respekt vor den Überzeugungen anderer. – Solange sie gemäßigt sind und mich damit in Ruhe lassen jedenfalls. Die Veranstaltung kam abseits der Stadien eher als internationaler Jugendtreff rüber als irgendeine spirituelle Sache. Auch daran ist nichts Schlechtes. Irgendwohin reisen, Leute aus anderen Ländern treffen – wer würde das als Jugendlicher nicht tun? Ich war selbst jahrelang St. Georgs Pfadfinder und hätte so eine Gelegenheit auch wahrgenommen.
Ich habe sogar selbst überlegt, ob ich Leute bei mir aufnehmen soll, aber ich hatte schon Besuch zu der Zeit…

Auch wenn der WJT hauptsächlich in Köln stattfand, waren in den umliegenden Städten dennoch zahlreiche Teilnehmer untergebracht und teilweise gab es auch dort Veranstaltungen wie der Eröffnungsmesse in der LTU-Arena in Düsseldorf. (Das Teil in der Nähe meines Büros, wo wir auch Luke und Leias Kurzfilm für “War Stars2 gedreht haben.)
Ganz Neuss war voll von Teilnehmern des WJT und selbst in den äußeren Stadtteilen von Düsseldorf war kein Entrinnen. Wo man auch hinsah auf den Straßen, in den U-Bahnen, Geschäften und sogar im Kino, überall Jugendliche mit WJT-Schlüsselbändern plus Umhängeschild und den türkis-blauen Rucksäcken und Nonnen, Mönchen und Priestern in Kutte. (Da die Letzteren meistens recht jung waren, musste ich ständig an Keanu Reeves und seine 2Matrix Reloaded2-Priesterkutte denken. ;) )

Prinzipiell finde ich gut, wenn hier “etwas los ist”. Genau das habe ich an Köln immer gemocht und in Neuss und Düsseldorf immer vermisst, auch wenn es meist Verkehrs-Behinderungen mit sich zog, weil der Menschenandrang schlicht zu großoder wieder ein Teil der Stadt aus Sicherheitsgründen wegen irgendwelchen VIP gesperrt war.
Ich finde es immer ganz nett, so viele Leute aus anderen Ländern relativ friedlich versammelt zu sehen – vor allem Kanadier, Afrikaner, Koreaner, Franzosen, Amerikaner, Brasilianer, Italiener und Bayern. (Ja, die Letztgenannten stehen zu Recht in dieser Auflistung, schließlich hat Bayern als einziges deutsches Bundesland nicht dem Grundgesetz zugestimmt. :D )
Die Einheimischen kamen auch untereinander über dieses Thema ins Gespräch, wie ich oft beobachten konnten. Da unterhielten sich wildfremde Menschen in der Bahn miteinander! Ein ungewöhnlicher Anblick in dieser Gegend. :P

Und es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel die meist genervten Messe-Besucher, die ständig die U-Bahnen zu meinem Büro verstopfen. Oder das denkbar Grausamste: Ansammlungen von Fußball-Fans! :baeh: Die fanatische Begeisterung für 11 Männer, die einen Leder-Ball durch die Gegend kicken, kann ich noch weniger verstehen als den Personenkult um irgendwelche religiösen Oberhäupter. Als ich noch in Köln gewohnt habe, bin ich öfter unfreiwillig in solche Mobs geraten, wenn mal wieder der Hauptbahnhof damit überschwemmt wurde, oder, noch übler, das Junkersdorfer Stadion. Denn ich wohnte nicht allzu weit davon weg und die grölenden betrunkenen Typen blockierten dann meist sämtliche U-Bahnen, so dass man trotz zahlreicher Sonderzüge nicht mehr vom Fleck kam. Nicht mal zu hause hatte ich Ruhe: das Gegröle aus dem Stadion drang bis zum meiner Wohnung.

das Innere des BahnhofsDie jugendlichen Katholiken haben sich zumindest halbwegs benommen, nicht herumgepöbelt, geprügelt oder sich besoffen. Gesungen haben sie zwar auch, aber im Gegensatz zum üblichen “Olé, olé”-Gebrüll männlicher Fußball-Fans war es keine allzu schlimme Folter für die Ohren.
- Qualitativ zumindest nicht. Ob es nun an der Übung aus dem Kirchenchor lag oder dem Mangel an Alkohol, sei dahingestellt.
- Quantitativ war es leider anders. Die Lautstärke des Gesangs und vor allem das Klatschen und Fußstampfen machte die fehlende Disharmonie wieder locker wett. Die Masse der Teilnehmer und die damit verbundenen Unanehmlichkeiten mache ich niemandem zum Vorwurf, aber DAS muss nicht sein. Die “normalen Leute” wie ich, die dort leben und arbeiten, müssen dieselben Bahnen nutzen, und es war wirklich schon nervig genug, da muss man sich nicht erst nach einem 10h-Bürotag in eine vollgestopfte Bahn quetschen und dann von allen Seiten noch in maximal möglicher Lautstärke zugedröhnt werden. :augenroll:

Die Italiener sind mir – und auch anderen – da besonders aufgefallen, und zwar vor allem negativ, sie waren mit Abstand am lautesten. Und dabei ging es nicht mal um geistliche Lieder, die Hits waren “Volare” und “O sole mio”.
Auf dem Weg vom Büro zum Gesangsunterricht war es besonders schlimm, da die Strecke über die Rheinwiesen führt, wo die Leute zelteten und auch ein Kirchenzelt (mit zwei Türmen!) aufgebaut war. Ich hatte sowieso – wie üblich – Kopfschmerzen und musste mir inmitten des Pulks die Finger in die Ohren stecken, damit mir nicht das Trommelfell platz und anschließend der Kopf. Sah wahrscheinlich ziemlich merkwürdig und nicht gerade nett aus, aber nett war deren Verhalten auch nicht, sondern ziemlich rücksichtslos.
Mir geht auch das Bild eines offensichtlichen Muslimen nicht aus dem Kopf, der alleine inmitten eines solchen Hallelujah-Pulks festsaß und einen ziemlich irritierten Eindruck machte… }:)

Ziemlich eigenwillig war auch das Nationalgehabe der Grüppchen. Wenn man besonders weit gereisten wie kanadischen Gruppen freundlich zuwinkte, fand ich das ja noch niedlich. Aber jeder Dritte trug eine riesige Nationalflagge oder hatte eine zum Cape umgewandelt und in den U-Bahnen riefen sie sich dann ihre Herkunftsländer zu: Italy! Italy! – Germany, Germany! – USA, USA!
Nur ein paar Franzosen fielen mir da positiv auf, die trugen zusätzlich zur Tricolore auch noch die Flagge ihres Gastgeberlandes am gleichen Mast mit sich. :blah:

Oder die Tatsache, dass in den Hauptstoßzeiten fanatisch jede einfahrende Bahn begrüßt wurde… :?

Der Personenkult um den Papst war teilweise ganz schön unheimlich.Da wird jemand wie ein Popstar hochgejubelt, und der Großteil der Jugendlichen weiss vermutlich nicht einmal wirklich, was für eine erzkonservative Richtigung der selbst gemessen an einer ohnehin schon erzkonservativen Institution repräsentiert.
- Und selbst wenn ich die Ansichten von so jemanden gut finde, würde ich nicht rudelweise mit “Benedetto”-Sprechchören herumlaufen oder mich mit Bildchen der Person zupflastern. Da gewinnt das Motto des WJT “Wir sind gekommen, um IHN anzubeten” fast eine neue Bedeutung. }:)

Das Ganze trieb vor allem Merchandise-mäßig seltsame Blüten: In der Bäckerei neben meinem Büro gab es “Benni, das Pilger-Brötchen” zu kaufen für den “himmlischen Preis” von 0,40 €.
Während die Bild noch “Wir sind Papst”-Buttons verschenkt hat, müssen die Organisatoren des WJT müssen außerdem ein Heidengeld ;) mit dem Merchandising gemacht haben. WJT-T-Shirts, WJT-Buttons, WJT-Rucksäche, WJT-Cappies… Allein die Rucksäcke. Wirklich JEDER hatte einen.

WJT-Massen in Düsseldorfer U-BahnhöfenIch frage mich wirklich, woher die alle das Geld dafür und für die Reise hatten. Ich hätte mir als Jugendlicher jedenfalls keinen Trip nach Übersee leisten können, der Flug kostet ja schon Hunderte von Euro, dazu kommen noch ein paar für Übernachtungen, Essen und Bahntickets. Oder ob das von deren heimischen Kirchenvereinen gesponsert wurde?

Die Verkehrsbehinderungen durch die Massen waren erheblich. (Von den Sicherheits-Maßnahmen bzw. -Sperrungen wegen des Papstes mal ganz abgesehen, aber zumindest wurden keine Anwohner aus ihren Häusern gebeten oder Gulli-Deckel verschweisst, wie bei Bushs letztem Besuch in good old Germany.)
An einem Tag musste ich von der Arbeit nach Düsseldorf-Eller (um literweise Latex für meine neuen Kostümpläne zu besorgen :D ) und dann zurück nach hause. Sonst ist das ganz einfach mit der U-Bahn zu erledigen und benötigt rund eine Stunde. Diesmal brauchte ich über zwei. Erst einmal saß ich über 20 Minuten an der Haltestelle Heinrich-Heine-Allee fest, und es kam nicht eine Bahn nach Eller, obwohl schon 3 dort hätten auftauchen müssen. Dafür kamen aber in der Zeit Dutzende von Einsatzwagen für die Jugendlichen. Auf dem Rückweg ging es rund um den Bahnhof nur stückchenweise voran. Die Bahn stoppte alle paar Meter und stand dann wieder für mehrere Minuten lustig im Tunnel herum, weil auch der Hauptbahnhof halt nur eine begrenzte Menge einfahrender Bahnen packt.

Der Kölner Hauptbahnhof brach sogar nachts stundenlang zusammen und dem Neusser erging es ähnlich.
Als Tharanis und ich am Samstag mit der S-Bahn vom Neusser Hauptbahnhof zum Düsseldorfer wollten, ging sogar gar nichts mehr. Am Bahnhof stand ein Großaufgebot an Rettungs- / Notarzt- / Feuerwehr- und Polizeiwagen. Der Bahnhof war schlicht verstopft. 8-O Keiner ging mehr rein, keiner kam mehr raus, jeder Meter in dem Ding war vollgestopft mit Jugendlichen. Weit konnte man wegen der Hunderten von Köpfen nicht sehen, aber auf den Gleisen muss es ähnlich ausgesehen haben, man hörte nur den tosenden Jubel, mit dem auch hier jeder einfahrende und abfahrende Zug bedacht wurde. Wir waren die letzten, die reinkamen, bevor die Polizei den Bahnhof stundenlang wegen Überfüllung sperrte. Wir kamen gerade die zwei Meter bis zum Ticketautomaten und flüchteten dann. Zum Glück kannte die Masse nicht den Weg über die U-Bahn nach Düsseldorf, den wir dann nahmen und der glücklicherweise fast leer war.

WJT-Massen in Düsseldorfer U-BahnhöfenDa wird man den Eindruck einer Massenhysterie nicht los, wenn auch harmlos und noch irgendwie lustig.

Auch die Befürworter der Religionsfreien Zone hatten offensichtlich Humor, gemäß dem Motto “Heidenspaß statt Höllenqual”. Zumindest der Dino ist klasse, wenn ich auch Anti-Irgendwas-Veranstaltungen und -Kampagnen in den meisten Fällen für armselige Zeitverschwendung halte.

Eher unlustig und vorhersehbar war dagegen die Reaktion der Kirche auf die Kondom-Verteilung durch die Kölner Polizei-Gewerkschaft. Das war natürlich böse – auch wenn viele Jugendliche sicher nichts von der gepredigten Kondom- und Pillen-Ächtung oder gar Enthaltsamkeit halten und dafür wahrscheinlich Verwendung gehabt hätten. Die Polizei verzichtete dann drauf, nicht so die Kölner Aidshilfe. Teilweise wurde ihnen die Dinger förmlich aus den Händen gerissen, meist aber wurden sie gemieden, als wären sie der Leibhaftige selbst, den man am besten nicht mal anblickt, man beschimpfte sie sogar und riss ihnen die Bauchläden weg. Einer von den Männern sagte dann einer zeternden Nonne, dass das seine Stadt sei, sie nur Gast und sie ihm nicht zu habe, wo er hingehen soll.

Und Recht hat er. Wenn Hunderttausende eine ganze Region heimsuchen und die Einheimischen ihnen und ihrer Religion gar nicht aus dem Weg gehen können, sollten die “Pilger” zumindest diese spärliche Konfronation mit anderen Meinungen ohne fanatische Pöbelei und Wutausbrüchen wegstecken können. Aber in solchen Dingen hat sich die katholische Kirche ja noch nie mit Ruhm bekleckert…

Informationen zum Eintrag: Id 194 10.09.2005 13:29 Uhr 1651 Wörter, 21mal angesehen Kategorie(n) Alltagswahnsinn, Vertraulichkeit: 0 Tags , , , , Kommentare nicht (mehr) erlaubt Trackbacks / Pings nicht erlaubt
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Tharanis

Im Mai war in Hannover der evangelische Kirchentag, da war die Stadt auch von Besuchern überfüllt, aber es war bei Weitem nicht so schlimm wie beim Jugendtag in Köln, liegt wohl daran, dass sich der Kirchentag an alle Altersgruppen richtete und keine internationale Veranstaltung war.
Als freiwillige Ex-Katholikin und Neu-Heidin sind auch mir gläubige Christen lieber als Nihilisten, so lange sie nicht vom Format der Fundamentalisten sind.
Am Samstag war der Hannover Hauptbahnhof mit Hundertschaften von Polizisten besiedelt, weit mehr als wir in Neuss zum Jugendtag gesehen haben. Grund für den Aufmarsch ? Na was wohl – ein Fußballspiel :grr:
Resumee: lieber Kirchentag als Fußballspiele !

Kommentar 1 11.09.2005 14:00 Uhr

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