Wie seit Monaten geplant, war ich Anfang Juni zum Vorsingen in einer Musikschule und nehme seitdem wieder wöchentlich klassischen Gesangsunterricht!
Das Ganze ging recht schnell. Ende Mai habe ich mich endlich aufgerafft und eine der zwei Schulen in Düsseldorf bzw. Neuss angemailt, die im Web einen guten Eindruck machten. Sie antworteten schon am nächsten Tag, und wir machten telefonisch einen Termin aus für die Woche danach.
Ich hatte also nicht viel Zeit, um mir Gedanken zu machen, aber die paar Tage schlief ich trotzdem nicht sehr gut. Ich schwankte zwischen Egal wie schief ich singe, ich bin ja da um zu lernen
und O mein Gott, ich soll da vor völlig fremden Leuten singen, das habe ich seit 12 Jahren nicht mehr gemacht!
8-O
Dennoch war ich fest entschlossen, es zu versuchen und mir möglichst wenig von der Nervösität anmerken zu lassen.
Und es hätte besser gar nicht laufen können.
Ich wusste schon nach den ersten 5 Minuten, dass ich da bleiben würde. Ich mochte die Lehrerin auf Anhieb, wir haben viel gelacht und sie war so motivierend, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, mich irgendetwas nicht zu trauen.
Wir begannen mit den üblichen Atem- und Lautübungen, es folgten Vokalisen zum Aufwärmen und Testen des Umfangs und Eigenheiten der Stimme und ein paar sehr seltsam aussehende Übungen für die Zungenmuskulatur. Am Ende versuchten wir uns zu meinem Entsetzen
direkt an einem klassischen Stück: “O Cessate di piagarmi”, eine Arie für Sopran aus der Oper “Il Pompeo” (Uraufführung in Rom 1683) des Barock-Komponisten Alessandro Scarlatti, in der es natürlich um Tod und Leid geht. (Oh release me from this anguish, leave me here alone to die…
) Eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht: Ich kann kein Italienisch, ich kannte die Melodie nicht und singen soll man ja auch noch so gut wie möglich. Darüber vergisst man dann schon mal das Atmen.
Ich habe in der ersten Stunde schon einige Dinge gelernt, die ich in den fast 3 Jahren Gesangsunterricht zuvor nicht gelernt habe, z.B. warum man Opern am besten auf Italienisch singt (weil die Lautbildung im Italienischen ausschließlich im Mundraum stattfindet) oder warum man gerade in der mittleren Stimmlage und mit manchen Vokalen Probleme hat (weil dort der Übergang von der Brust- zur Kopfstimme ist).
Billig ist das Ganze natürlich nicht: Ein halbe Unterrichtseinheit von 25 Minuten kostet 25 € eine ganze Einheit von 50 Minuten 37 €. Aber das habe ich erwartet, es war ja schon vor über einem Jahrzehnt an einer unbekannteren Schule in unserem Kaff teuer. Ich hatte die Preise bei anderen Schulen in der Umgebung gecheckt, die waren ungefähr gleich oder noch teurer.
Das Gute aber ist, man muss tatsächlich nur zahlen, was man auch in Anspruch nimmt. Wenn ich mal eine Woche nicht kann, zahle ich auch nichts, sofern ich spätestens einen Tag vorher absage. Außerdem sind die Termine flexibel, ebenso die Länge.
Meistens gehe ich donnerstags. Ich wollte abwechselnd kurze und lange Stunden nehmen, das käme meinen Preis- und Aufwandsvorstellungen entgegen. Bisher habe ich allerdings immer lange Einheiten genommen, weil es Spass macht und ich lernen möchte. Außerdem habe ich nach einigem Durchrechnen gesehen, dass ich es mir leisten kann.
Karate ist vor ein paar Monaten weggefallen, ebenso endlich der Kredit vom letzten Umzug. Momentan sieht es zwar durch den Urlaub äußerst gruselig auf meinem Konto aus, aber die Monatsbilanz dafür ziemlich gut.
Tja, andere Leute leisten sich ein Auto, ich eben Gesangsunterricht.
(Wobei ich von dem, was heutzutage ein Auto monatlich kostet, vermutlich doppelt so viele Stunden nehmen könnte.)
Sandra Nakhosteen lehrt klassischen Gesang an der Schule Papilio, und ist selbst Opersängerin. Sie hat an der Stage School of Music, Dance & Drama Hamburg, am Richard-Strauss-Konservatorium München, an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst München und an der Guidhall School of Music and Drama London gelernt und arbeitet gerade an ihrer Meisterprüfung, weshalb sie an den Wochenenden immer in London ist. Ich schätze sie mal auf Mitte dreissig. Und sie hat wie ich graue Strähnen, was ich ebenfalls sympathisch finde.
Papilio ist ein Familienbetrieb von Sandra und ihrer Schwester Nicola, ein Weiterbildungszentrum, wo man neben Musikunterricht (allein oder in Gruppen) auch andere Sachen lernen kann wie Rhetorik, Sprachen, Yoga oder Ikebana. Die Schule ist Mitglied im Verband Deutscher Tonkünstler und gibt zweimal im Jahr Schülerkonzerte. Sie liegt in Düsseldorf-Heerdt auf halbem Weg zu den Lehrgangsräumlichkeiten meiner Behörde, was eben heisst, dass ich nur einen anderen Weg nach hause fahre, aus der U-Bahn herausfalle, nachher wieder einsteige und in 10 Minuten zu hause bin, denkbar günstig also.
Ich habe sowohl von der Schule und besonders Sandra einen sehr guten Eindruck. Anscheinend habe ich ein Händchen dafür, mir gute Lehrer zu suchen, sowohl in fachlicher als auch menschlicher Hinsicht.
Sie kann einen sehr gut motivieren, so dass man selbst bei den schiefsten Tönen nicht verzweifelt und es einfach immer wieder versucht. Selten, dass mir jemand auf Anhieb so sympathisch ist, aber ich glaube, es ist unmöglich, sie nicht zu mögen.
Ich werde auch nicht nein sagen zu den Unternehmungen außerhalb des Unterrichts, sie gehen z.B. regelmäßig mit Schülern ins Kino oder in die Oper und sitzen anschließend bei einem Gläschen Wein zusammen.
Ich bin echt stolz auf mich.
Es war doch eine große Überwindung, wie bei jedem Schritt ins Unbekannte, und Singen ist zudem etwas Persönliches. Aber ich habe mich jetzt schon mehr getraut als früher jemals. Da habe ich nur bei geschlossenem Fenster üben können und nicht mal Freunde und Verwandte zuhören lassen. Diesmal saßen draußen in den anderen Räumen einige fremde Leute, und ich hab’s trotzdem getan, jawohl. Es besteht Hoffnung.
Sandra meinte, es könnte gut sein, dass am Ende doch ein Sopran dabei herauskommt, weil ich selbst jetzt nach der langen Pause relativ mühelos recht hoch komme und es noch gut klingt. Damals war ich ein Mezzosopran, aber das war eben während der Pubertät.
Und wir haben uns schon darauf geeinigt, dass wir vorzugsweise getragene Stücke nehmen. Fröhlich liegt mir nicht, welch überraschende Feststellung.
Der Musiker nennt sowas dramatischer Sopran.
Neben klassischen Stücken kann man damit durchaus auch Musical-Stücke singen, sofern sie nicht zur sehr nach Pop abdriften.
Meine größte Schwäche ist leider immer noch das verflixte A in der Bruststimme…
Wie wir getestet haben, könnte ich die genannte Arie schon gut singen, wenn sie nur aus Os und Us bestehen würde.
Solche Schwächen hat beruhigenderweise fast jeder irgendwo und sie sollen sich mit der Zeit geben.
Nach nur 3 Unterrichtseinheiten meinte sie letzten Freitag schon, es würde jede Woche hörbar besser werden, und hat mich Letzte Woche hat sie mich nach nur 3 Stunden gefragt, ob ich nicht im Dezember beim nächsten Schülerkonzert mitsingen möchte.
Ich fühle mich natürlich sehr geschmeichelt. Mal schauen, wie es sich in den nächsten Monaten entwickelt im Hinblick auf Stimme und Courage. 2 bis 3 Monate vorher müssen wir anfangen, etwas einzustudieren.
Vielleicht gibt’s hier irgendwann auch mal Ergebnisse zum Download…
Mein für diesen Zweck Anfang des Jahrs gekauftes Keyboard und die Ohren meiner Nachbarn haben vorerst noch Schonfrist. Im Moment soll ich noch nicht zu hause üben bis auf ein paar Atem- und Sprechübungen. (Versucht mal, ein rollendes R hinzubekommen, das nicht hinten im Rachen steckt, gar nicht so einfach!) Der Rest kommt erst später, wenn man sicherer ist.
Theorie habe ich schon mit Hilfe eines Buches wieder etwas aufgefrischt, wobei die Tiefen der Harmonielehre für mich Chinesisch sind. Aber ist nicht tragisch, ich werde wohl nie in die Verlegenheit kommen, irgendwelche Septen der D-Moll-Tonleiter berechnen zu müssen oder so.
Vor allem aber muss ich Geduld und Gelassenheit üben. Ich merke, ich will schon wieder zu schnell zu viel. Nicht nur, dass ich von genau dieser Haltung früher oder später Kopfschmerzen bekomme, es ist auch für’s Singen kontraproduktiv, weil die meisten benötigten Muskeln entspannt sein müssen. Den Unterschied kann man tatsächlich hören. Und Hemmungen führen genau zu dem, was man befürchtet, schiefe Töne.
Vielleicht klappt es ja mit Autosuggestion: Töne sind meine Freunde. Selbst und insbesondere die hohen. Und auch das unschuldige A.
Oder wie Sandra sagte: Die dummen Sänger sind die besten.
Zumindest anfangs, denn die denken nicht nach, die machen einfach…
Gratulation!
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