Wie versprochen meine ausführliche Kritik zu “Matrix Revolutions”:
Voller Vorfreude und ausgestattet mit langen schwarzen Mänteln und Brillen brachen mein Bruder und ich am Mittwoch vor 2 Wochen kurz nach 17 Uhr zum Ufa-Palast Düsseldorf auf, um “Matrix”-Triple-Feature zu genießen… und kehrten völlig deprimiert und todmüde gegen halb 3 Uhr nachts zurück.
Die Begleitumstände waren teilweise schon doof. Mit uns war es gerade mal eine handvoll Leuten in entsprechenden Outfits, der Rest hielt sich vornehm zurück oder lästerte sogar ab. Hierzulande braucht man halt einen Grund, um Spass zu haben oder mal etwas “Unseriöses” zu tun wie sich zu Kostümieren. An Karneval darf man so lächerlich sein wie man will und am besten geht das noch mit einer Menge Alkohol im Blut. Aber zu einer Kinopremiere ist sowas ja einfach nur albern.
Der Typ neben meinem Bruder mampfte über die gesamte Länge des ersten Teils nicht nur pausenlos geräuschvoll Popcorn in sich hinein, er war auch ein cholerischer Schläger. Wenn Blicke töten könnten, hätten wir “Reloaded” nicht überlebt, da mein Bruder es tatsächlich wagte, mich leise (!) zu fragen, was der Franzose am Empfang des Restaurants des Merowingers gesagt hat. Als nach dem Ende des Films To be continued…
auf der Leinwand erschien und sich der Neo hinter uns zu dem Ausruf Ja, gleich!
hinreissen ließ, drohte der Kerl selbigem Prügel an, wenn er nicht sofort die Schnauze hält
. Arsch.
“Revolutions” machte es nicht besser. Zur Kritik im Detail: (Achtung, massive Spoiler!)
Der Film hatte gute Ansätze.
Ich habe endlich verstanden, was es mit diesem Bane-Typen auf sich hat, der sich schon im zweiten Teil so komisch verhalten hat, und auch das Problem um das Orakel hat man ganz gut gelöst – der Merowinger hatte ihr schon in “Reloaded” angedroht, sie umzubringen und damit zumindest teilweise offensichtlich auch Erfolg. (Realer Hintergrund war, dass Gloria Foster während der Dreharbeiten zum zweiten Teil starb.)
Zwischendurch merkte man auch immer wieder, dass man versucht hat, mit optischen Mitteln oder Sprüchen an die ersten beiden Teile anzuknüpfen. Der Kampf im Fetisch-Club des Merowingers hatte große ähnlichkeit mit dem spektakulärsten Kampf im ersten Teil, dem in der Lobby des Hochhauses.
Es gab auch zahlreiche Szenen, bei denen man sich bemüht hat, mehr Zwischenmenschliches in die Story zu bringen.
Auch ein paar nette Gags gab es. Jetzt weiss ich endlich, was ich mir unter einem Kind-Prozess vorzustellen habe.
Ich glaube, ich kann nie wieder ein kill -9 absetzen, ohne das Gefühl zu haben, gerade jemanden getötet oder gar eine ganze Familie ins Unglück gestürzt zu haben. *g*
Toll waren auch die Bilder von der wirklichen Welt, den Fötusfeldern, der Maschinenstadt und die Szene, als Neo und Trinity mit ihrem Hovercraft durch die Wolken brechen.
Aber das reicht nicht, um die inhaltlichen Mängel des Films wett zu machen:
Viele Chancen wurden verschenkt.
Eines der faszinierendsten Dinge der “Matrix” waren die Gedankenexperimente und das Visualisieren von Dingen, die sonst nur abstrakt Programmierern bekannt sind. In Teil 3 bleibt nichts davon übrig. Die Backdoors sind vergessen, bis auf Agent Smith spielt kein rebellisches Programm mehr eine Rolle. Man konnte in “Reloaded” zu Ende noch grübeln, warum Neo nun auch in der wirklichen Welt außergewöhnliche Kräfte hat. Vielleicht ist die Wirklichkeit auch nur eine computersimulierte Scheinwelt, um die Rebellen irgendwo unterzubringen, wo sie der Matrix nicht mehr schaden können? Die Lösung des Ganzen war jedoch denkbar banal, dabei hätte man die Geschichte unendlich weiterspinnen können.
Charaktere mit viel Potential wurden in “Reloaded” eingeführt und kamen in “Revolutions” überhaupt nicht mehr vor oder nur kurz.
Der Merowinger hatte ganze 5 Minuten, seine verräterische Gattin gar nur einen Satz. Seine Killer-Programme, die Zwillinge in silber, die trotz der kurzen Rolle in “Reloaded” eindeutig zu den beliebtesten und hervorstechendsten Charakteren der Triologie gehören, tauchten erst gar nicht mehr auf. (*heul*) Dabei hätte man viel aus diesen Charakteren machen können, die weder auf der Seite der Menschen, noch auf der der Maschinen stehen. Stattdessen gibt es eine völlig überflüssige Geschichte um einen langweiligen neuen Charakter namens Trainman.
Und warum hat man Trinity so sinnlos und unspektakulär abtreten lassen?? Das war eine der längsten und deshalb unglaubwürdigsten Sterbeszenen, die ich je gesehen habe. Mir fiel spontan der Satz von Twin #1 in “Reloaded” ein: Geht das auch ein bißchen schneller?
Sonst mag ich dieses Geschmachte eigentlich nicht, aber die beiden waren süß. Schade um eines der sympathischsten Pärchen der SF-Welt.
- Aber wie Keanu Reeves selbst sagte, so ist das nun mal mit amerikanischen Filmen. Da muss erst jemand erblinden oder sterben, bevor der Zuschauer begreift, dass es nun dramatisch wird.
Viele Fragen blieben völlig unbeantwortet.
Ist Neo nun tot? Was passiert mit den paar Milliarden Menschen, die immer noch ans System angeschlossen sind?
Und überhaupt – was ist das für ein Friede, für den Neo sich da geopfert hat? Die Matrix gibt es weiterhin, die Maschinen hören nur auf, Zion weiter in Schutt und Asche zu legen. Wer sagt, dass sie es sich nicht anders überlegen? Schließlich haben sie ihr Ziel erreicht und Gewissensbisse sind eher fraglich. Die Frage stellt man sich schon im ersten Teil, als Cypher seine Crew verrät.
Und vor allem: Es war einfach zu wenig Matrix.
Die ersten 20 Minuten und der finale Kampf zwischen Smith und Neo spielen in der Matrix, der Rest in der wirklichen Welt. Klar, dass ein wesentlicher Teil in der Wirklichkeit spielen muss, aber letztendlich ist es doch die Scheinwelt, die wir alle sehen wollen, wenn man sich einen Film mit diesem Titel ansieht.
Aber selbst wenn man einfach nur ein vernünftiges, aber unspektakuläres Ende hätte machen wollen, weil das Geld ausging oder man keinen Bock mehr hatte, hätte man es mit derselben Handlung um Längen besser machen können, wenn die Umsetzung besser gewesen wäre:
Wieder war das Ganze sehr Effekt-lastig, aber im Gegensatz zu “Reloaded” auch langweilig anzusehen.
Im zweiten Teil mögen einige Kampfszenen zu lang oder überflüssig gewesen sein, aber sie waren für sich noch ein Hingucker, eben schöne Martial Arts. Die Schlacht um Zion jedoch nervte irgendwann nur noch auf Grund des hohen Geräuschpegels und ausschließlicher Computeranimation. Oder wie der Spiegel sagte, “Duschschläuche gegen Mech-Warrior”. Man kann noch ein Auge zudrücken angesichts der Bemühungen, die Dramatik der Schlacht mit diversen Szenen zu zeigen trotz reichlich Computeranimation – zugegebenermaßen war die notwendig, es war klar, dass 250.000 Maschinen gegen die Mauern von Zion anrennen. Aber weniger wäre auch hier mehr gewesen.
Zuviel Patriotismus und Religion.
Zum ersten Mal merkte man deutlich, dass Amerikaner am Werk waren, für einen Durchschnitts-Europäer wie mich war das fast schon unerträglich.
Realismus hat sicher nicht Priorität in SF-Filmen, aber trotzdem wirkt es unglaubwürdig, wenn eben noch 250.000 Killerroboter die Miliz von Zion ausradiert haben und im nächsten Moment alle in Jubel ausbrechen, weil ein Junge dahergelaufen kommt und ruft Neo hat uns gerettet
. – BTW, woher will er das wissen? Was in der Maschinenstadt passierte, weiss nur Neo selbst.
Ich sehe auch schon die katholische Kirche protestieren wegen des noch offensichtlicher werdenden Messias-Gedanken hinter Neo. Nichts gegen die Erlöser-Rolle, aber musste man am Ende immer gen Himmel schauen, wenn man über Neo redete?
Die Dialoge.
Während “Reloaded” lange Dialoge hatte, die tatsächlich Sinn machten und wichtig für die Handlung waren wie z.B. das Gespräch zwischen Neo und dem Architekten – auch wenn man zweimal drüber nachdenken musste, sofern man denn gewillt war – wurde in “Revolutions” mehrfach Dinge in 20 Sätzen ausgedrückt, für die auch 2 gereicht hätten. Bestes Beispiel ist der Merowinger mal wieder.
Oft habe ich mich auch gefragt, ob ein Spruch tatsächlich als Witz gedacht war oder nur unfreiwillig einer wurde. Wie die Sache mit dem Stiefel und dem Schatz, ich fürchte, du musst fahren
nach Neos Erblindung. Argh.
Und musste es teilweise so übertrieben sein?
Der Maschinen”gott” ist das beste Beispiel hierfür. Ich hätte mir als oberste Instanz der Maschinen sowas wie den Architekten vorgestellt, ein kleiner älterer Herr im Chefsessel. Oder auch ein kühlschrank-großer schwarzer Kasten mit roter Leuchtdiode. (Hallo, Dave.
) Irgendwas Subtiles halt. Kein Mega-Ball mit Spikes und einem menschlichem Gesicht.
Oder die kitschigen Momente wie die Schluss-Szene mit dem Orakel, dem Mädchen und dem hübschen bunten Himmel…
Im Gegensatz zu seinen Vorgänger war “Revolutions” auch ungewohnt blutig.
Im ersten Teil floss nur in der berühmten Lobby-Szene Blut, als Neo und Trinity die Sicherheitsleute überwältigen, und als Neo selbst erschossen wird. In “Reloaded” fließt nicht mal ein einziger Tropfen.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich es noch nicht erwähnt haben sollte: “The Matrix” ist mein absoluter Lieblingsfilm. Ja, sogar noch vor “Star Wars” und dem “Herrn der Ringe”. Dieser schlechte Abschluss der Triologie hat mich wirklich unglaublich enttäuscht.
Ich gehöre wahrlich nicht zu denen, die alles schlecht machen und die an eine Fortsetzung so hohe Erwartungen setzen, die sie gar nicht erfüllen können. Man musste schon dem zweiten Teil zugestehen, dass er drei riesige Nachteile hatte, für die er überhaupt nichts konnte:
Ich war auch gewillt, bei “Revolutions” aus ähnlichen Gründen ein Auge zuzudrücken. Dass der Großteil der Handlung nicht in der Matrix spielen würde, war klar, und dass einige Charaktere zwangsläufig den berühmten Löffel abgeben mussten, ebenfalls. Logisch war von vorneherein auch, dass er kein Happy End haben würde – man kann nicht mal eben ein paar Milliarden Menschen aus der Matrix in eine kaputte Welt zurückholen und genausowenig hätte man sie alle sterben lassen können. Und natürlich war er der Abschluss der Triologie, deshalb war für mich schon von vorneherein klar, dass er keinesfalls mein Lieblingsteil sein würde.
Ich habe auch nicht noch mehr Special Effects, tolle neue Ideen und überraschende Wendungen erwartet, sondern einfach mehr… naja, “Matrix”. Das Feeling kam überhaupt nicht auf. Den Film könnte man akzeptieren, wenn er nur irgendein Sci-Fi-Streifen wäre, aber nicht, wenn “Matrix” draufsteht.
Ich hatte gehofft, dass ein guter Abschluss der Triologie auch diejenigen versöhnt, die “Reloaded” nicht mochten, aber jetzt ist wohl alles verloren. Nicht nur, dass “Revolutions” einfach ein schlechter Teil ist, er macht “Reloaded” sinnlos und nimmt der ganzen Sache ihren Zauber. Und ich frage mich, wie jemand, der einen so genialen ersten Teil produziert hat, nun so dermaßen daneben liegen kann. Ein Film geht durch so viele Hände, bevor er in die Kinos kommt – fällt da nicht vorher jemandem auf, dass etwas nicht damit stimmt? Oder wollen sich die Verantwortlichen einfach nicht reinreden lassen? Vermutlich letzteres, denn selbst Keanu Reeves äußerte in Interviews Kritik an der Entwicklung seines Charakters.
Manchmal ist es vielleicht doch besser, manche Dinge nicht zu wissen. Wer will schon einen zweiten Teil von “Casablanca” sehen, um zu erfahren, ob Sam und seine Holde heiraten, sich nach 2 Jahren verkrachen und nun um die Möbel und den Hund streiten. Andererseits kann ich nicht sagen, dass ich lieber gar keine weiteren Teile nach dem ersten gehabt hätte als diese beiden. Als Fan ist man froh, dass es überhaupt weitergeht und man mehr von dieser neu erschaffenen Welt sieht.
Die meisten Leute, die ich kenne und die ich wirklich als “Matrix”-Fans bezeichnen würde, sehen es genauso. Sie alle mochten “Reloaded” mit Einschränkungen, aber mit “Revolutions” konnte sich fast niemand anfreunden. Umgekehrt mögen die meisten Gelegenheitsgucker “Revolutions” und “Reloaded” nicht.
Ich habe habe auch eine Theorie darüber: Die echten “Matrix”-Fans haben über den zweiten Teil mehr nachgedacht als die normalen Kinogänger und den Sinn hinter den langen Dialogen und die komplexe Handlung erkannt. In Gesprächen mit Leuten, die sich einfach nur einen netten Film ansehen wollten, stellte sich meistens heraus, dass sie “Reloaded” überhaupt nicht verstanden haben, viele nicht mal den ersten Teil richtig. Außerdem sind 2 1/2 h Laufzeit für normale Kinogänger einfach zu viel. Diese Mainstream-Gucker wurden von “Reloaded” aus diesen und den oben genannten Gründen zwangsläufig enttäuscht und gingen mit denkbar schlechten Erwartungen in den dritten Teil. Der war handlungsmäßig einfachere Kost mit mehr Standard-Scif-Fi-Action, also eher Geschmack der Masse. Die, denen “Reloaded” gefallen hat, erwarteten einen ebenso guten Teil wie diesen und wurden hingegen enttäuscht.
“Revolutions” IST objektiv gesehen einfach schlechter als “Reloaded”.
Eine zweite Chance werde ich ihm wohl noch geben. Mein Bruder war später noch einmal drin und meinte, er fände ihn nun nicht mehr so schlecht wie bei der ersten Vorstellung. Was ich von “Reloaded” halten sollte, wusste ich nach dem ersten Ansehen auch noch nicht. Vielleicht sind tatsächlich die Erwartungen zu hoch am Anfang.
Vermutlich jedoch werde ich es mit “Revolutions” halten wie mit “Babylon 5″. Nach dem Ende des Schattenkrieges war für viele Fans das Wesentliche vorbei. Im LARP haben wir deshalb stets vor dieser Wende gespielt.
Spätestens nach “Matrix Reloaded” ist für mich gedanklich Schluss. Ich will die “Matrix” mit Neo und Trinity, schönen Kampfszenen und Special Effects, witzigen Momenten, coolen Sprüchen, Outfits und Bösewichtern, fetziger Musik und der einzigartigen Atmosphäre, Idee und Philosophie – kurz gesagt, mit allem, was Teil 1 meiner Meinung nach zu einem der besten Filme aller Zeiten machte und von dem Teil 2 noch einiges und Teil 3 nichts mehr hatte.
Oder um es mit Cypher zu sagen: Warum habe ich Idiot nicht die blaue Pille genommen? Ich will zurück in die Matrix, ich will nichts mehr wissen, ich will alles vergessen…
Du weißt aber schon, dass Du für Deine Corona-Kolumne jetzt einen anderen Text nehmen solltest.. ?
Jaxa
Ich stimme Dir eigentlich weitgehend zu was Deine Kritikpunkte angeht – der Film war nicht schlecht, aber definitiv nicht mal ansatzweise so gut wie seine Vorgänger *seufz* Und das Ende war einfach nur enttäuschend…
Zwei Anmerkungen:
1.) Kind-Prozess?! UGH! Das war mir gar nicht aufgefallen! Wie blöd, und das trotz zweier Vorlesungen über Betriebssysteme dieses Semester
Aber sehr lustig *L*
2.) Ich glaube des Maschinen-Anführers war an einen Charakter aus Tron angelehnt. Zumindest hat mich die Darstellung doch sehr daran erinnert.
Ansonsten – wie war eigentlich die RingCon?
Jessica
@midge: Weil hier vielleicht 3 Leute mitlesen, die wissen, was der Corona ist? Nix da.
@Jaxa: Das Master-Control-Programm? Ja könnte sein.
RingCon-Bericht kommt später.
Anyway, die Begeisterung für Projekt ‘Löffel’ lassen wir uns nicht nehmen. Habe die Woche schon zwei Domänen dafür registrieren lassen (.de.vu).
Liebe Jessica!
Bin auf unzähligen Umwegen auf Deine Website gestoßen und muss sagen… Ich bin begeistert! Besonders diese “Matrix Revolution” Besprechung hier, hat mich sehr überzeugt.
In den meisten Punkten bin ich ganz Deiner Meinung und habe das gleiche bemängelt.
Danke dafür!
Liebe Grüße
Caro aka strumpfhase
Jessica
@Caro: Soso, diese Seite ist also doch noch irgendwie zu finden.
Aber in dem Fall schön, dass es Dir gefällt.
Mit der Kritik habe ich mir auch viel Mühe gegeben – und natürlich viele Worte *g* – und sie hat einiges an Feedback verursacht, das bis auf einen einzigen Fall durchweg positiv war. So falsch kann ich mit meiner Meinung also doch nicht liegen.
Und ich sage es immer wieder: Ich liebe die Matrix trotzdem noch! Auch Reloaded.
Und ein paar – wenn auch wenige – Dinge an Revolutions.
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